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188 - Stereoskopie in Demos - oder wie 3D-Brillen die Tiefenwirkung beeinflussen (.de)

Avatar - Aufbruch nach Pandora heißt der Film, der derzeit alle Rekorde bricht. Schon wenige Wochen nach dem Kinostart handelt es sich bei dem Science-Fiction-Movie um den weltweit finanziell erfolgreichsten Film. Aussichten auf gleich mehrere Oskars hat das Mammutwerk des Regisseurs James Cameron, wobei Avatar speziell bei den Technikkategorien kräftig abräumen dürfte. Große Teile des Films wurden in einem virtuellen Studio mit neu entwickelten 3D-Kameras gedreht. Einzigartig ist vor allem die 3D-Version des Films, die nur in modernen 3D-Kinos gezeigt werden kann und die dank Einsatz einer speziellen Brille dem Zuschauer ein unglaubliches, räumliches Erlebnis vermittelt. Nachdem 2010 aller Voraussicht nach den Durchbruch für das 3D-Kinoerlebnis zu Hause bringen wird, sind wir gespannt, ob auch die Demoszene in naher Zukunft spektakuläre "RealD"-Demos produzieren wird. Dass sie nicht gänzlich unerfahren auf dem Gebiet der "bebrillten Effektkracher" sind, haben sie in den vergangenen Jahren mit einigen richtig guten Werken gezeigt, die auf das so genannte stereoskopische Verfahren setzen. Brille auf, Film ab!

3D-Effekte in Demos - schon zu ihren Anfangszeiten versuchten die Echtzeitkünstler der Demoszene dem Zuschauer bewegte, räumliche Bilder zu liefern. Was zu Beginn aufgrund beschränkter Hardware nahezu unmöglich war und zu stark reduzierten Darstellungsformen wie "Line-Vectors" führte, nahm im Laufe der Zeit immer detailliertere Gestalt an. Erst füllten sich die Flächen mit Farbe, später wurden Schattierungen hinzugefügt. Texturierte Oberflächen folgten, bis letztendlich komplexe, aufwändig modellierte 3D-Szenen ihren Auftritt hatten. Heutzutage ist dies gang und gäbe.


Bitte nur mit Brille! Auf der Simulaatio 3D (2005-2007) standen Demos mit Anaglyphic-Mode im Mittelpunkt (Bild: Slengpung).


Das stereoskopische Verfahren
So schön das inzwischen auch aussehen mag, der Weisheit letzter Schluss ist noch nicht erreicht. Zwar lässt sich die Demoszene nur schwerlich mit der Filmindustrie vergleichen, aber auch hier sucht man immer wieder nach Möglichkeiten um die Wirkung der 3D-Effekte zu verstärken. Natürlich geht es in Szeneproduktionen deutlich abstrakter, da künstlerisch freier zu. Nichtsdestotrotz beschreitet man gerne neue Wege, nutzt auch mal ungewöhnlichere Technik und deren Features um die räumliche Tiefenwirkung zu verstärken. Das stereoskopische Verfahren ist eines davon. Hier werden zwei gleiche Bilder leicht übereinander versetzt dargestellt und mit Komplementärfarben eingefärbt. Durch das Aufsetzen einer speziellen Brille ergibt sich somit ein räumlicher Effekt.

Auch wenn Vielen der Begriff erst mal nichts sagen dürfte, so haben wohl die Meisten bereits damit zu tun gehabt. Wer kennt nicht die Pappbrillen mit den bunten Foliengläsern, die Filme dreidimensionaler erscheinen lassen. Ein Beispiel ist etwa die Special Edition des Animationfilms "Shrek", dem gleich vier der Nasendeckel beiliegen. Interessant ist das visuelle Erlebnis per Farbfilterbrille, beziehungsweise mit einer Anaglyphenbrille, allemal, zumal es quasi einer der Vorläufer der heutigen 3D-Technik in Filmen ist. Mit der Qualität und dem Realismus der aus Avatar bekannten Bildpracht kann die anaglyphe Technik freilich nicht mithalten. Zum einen ist der 3D-Effekt eher dezent und verliert, sobald man nicht zentral vor dem Bildschirm oder Fernseher sitzt, deutlich an Wirkung. Weiterhin werden die Farben stark verfälscht. Die zumeist mit roten und blauen Gläsern ausgestatteten Brillen reduzieren die im Original bunte Optik zumeist auf einen dunkleren, bläulich-braunen Einheitsbrei. Wenn hier nicht von Anfang an auf starken Kontrast geachtet wird, verliert die visuelle Show deutlich an Reiz.


Aus der Anfangszeit der 3D-Brillen-Demos: Impressionen aus Third Dimension von Cryptoburners (Amiga, 1990).


Anaglyphe Projektion in der Demoszene
Nun haben sich im Laufe der Zeit einige Demogruppen an der Darstellung von Stereoskopie in Echtzeit versucht. Die einen mehr, die anderen weniger erfolgreich. Als einer der ersten gelungenen Vertreter seiner Art kann Third Dimension von den Cryptoburners notiert werden, erschienen für den Amiga 500 im Jahr 1990. Hier stehen relativ einfache, zur damaligen Zeit oft gesehene Effekte und Modelle im Mittelpunkt, wobei jeder einzelne Pixel, jede Linie, doppelt gezeigt wird. Einmal als roter, einmal als blauer Punkt. Was ohne Farbfilterbrille seltsam verschwommen aussieht, erhält mit aufgesetzter Brille eine erstaunliche Tiefenwirkung. Zwar ist der Effekt bei weitem nicht so intensiv wie in später erschienen (PC-) Produktionen, da alle Szenen vor schwarzem Hintergrund ablaufen, dennoch ist das hier geleistete beachtlich.

Im Jahr 2001 hat es die ungarische Demogruppe Digital Dynamite schon besser gelöst. Ihr The Third Dimension ist nicht nur ein Namensvetter des zuvor erwähnten Wegbereiters, es lässt die Objekte auch wirklich zum Greifen nahe erscheinen. Auffällig ist hier vor allem der wirklich starke Kontrast des Hintergrunds zu dem im vorderen Bereich gezeigten Szenen, sowie die speziell auf die Farbverhältnisse der Brille abgestimmte Kolorierung. Aus diesem Grund wirken die Röhren und Würfel, die Tunnel und Spikeballs so plastisch. The Third Dimension zählt auch heute noch zu den besten Stereoskopie-Demos überhaupt, was nicht nur am klassischen, aber zeitlosen Design und den passenden Drum ´n` Bass Rhythmen liegt. Erst seit kurzem liegt das gute Stück in einer überarbeiteten Version vor, die auch auf Win32-Systemen läuft. Allerdings wird unter Windows Vista immer noch kräftig herumgezickt.

Zwischen 2005 bis 2007 gab es mit der Simulaatio 3D sogar ein jährliches Szene-Event, das sich überwiegend der Anaglyphen-Technik verschrieben hat. Demos und Intros, die auf diesen Veranstaltungen gezeigt wurden, entfalteten entweder ausschließlich mit 3D-Brille ihr Potential, oder besaßen einen zusätzlich Modus für ein intensives Erlebnis in Rot und Blau. Das führte wiederum zu seltsamen, aber unvergesslichen Szenen. Oder wo sonst ist die Halle gefüllt mit Pappbrillenträgern, die begeistert vor dem Bigscreen lungern? Viele gelungene Produktionen brachten die drei Ausgaben des Szene-Treffs in Finnland hervor, wobei wir hier eine kleine Auswahl sehenswerter Vertreter präsentieren:


Von links nach rechts: fr-056: gravity of the moon, Tengomenas, Breed.


Tengomenas / Traction (1st at Simulaatio 2007, Demo)
Neben dem Stereoskopie-Klassiker Third Dimension ist Tengomenas die intensivste 3D-Erfahrung, die man durch Aufsetzen einer 3D-Brille mit einer Szenedemo haben kann. Geometrische Formen tänzeln in Liniengebilden über den Bildschirm. Und zwar direkt vor den Augen des Zuschauers, denn das 3D-Gefühl, welches Tengomenas vermittelt, ist unglaublich. Zwar gibt es im weiteren Verlauf auch Szenen, die nicht diese Intensität aufweisen, die aber keineswegs flach und platt wirken. Außerdem lobenswert: Als einzige Demo in unserer Auflistung verfügt die Demo von Traction über die Möglichkeit, die richtige 3D-Brille aus drei verschiedenen Modellen auszuwählen. So bekommt definitiv jedermann sein ganz persönliches Erlebnis direkt vors Gesicht geklatscht.

Breed / Happo (1st at Simulaatio 2005, Demo)
Breed ist die Gewinnerdemo der ersten Simulaatio 3D. Die Gruppe Happo setzt hier vor allem auf die Magie des räumlichen Textes. Erst wenn die dicken, schwarzen Lettern am Bildschirm erscheinen, entfaltet das Werk seine räumliche Tiefe. Dann erkennt man, dass die Buchstaben etliche Zentimeter vor den Würfeln, den Kugeln oder dem Tunnel schweben, was sehr cool wirkt. Nur bei den Greetings haben es die Finnen übertrieben. Von rechts nach links rauschen die Namen der anderen Gruppen so schnell vorbei, dass der Magen schon mal rebellieren kann. Vor allem, wenn zusätlich solch harte Gitarrenriffs darauf einhämmern. In Sachen räumliche Tiefendarstellung kann und muss Breed aber definitiv als Lehrbeispiel verwendet werden.

fr-044: patient zero / Farbrausch (1st at Simulaatio 2005, 64k Intro)
Auch Farbrausch überraschen mit einer Brillen-Intro, wobei hier, speziell im Vergleich mit der 1990er Demo Third Dimension, der Fortschritt der Technik überdeutlich zu sehen ist. Wo einst nur ein paar Pixel und schmale Flächen im Stereoskopie-Verfahren dargestellt wurden, sind es jetzt riesige Objekte, Modelle und Oberflächen. Nur sind hier so viele Grafik-Layer übereinander geschichtet, dass der durch die Brille erzeugte 3D-Effekt etwas untergeht. Eine Kugel zum Anfassen? Ein Berg, den man meint selbst zu umfliegen? Nein, das wird hier nicht geboten. Aber immerhin wird der zarte Tiefeneffekt auch dann nicht noch schwächer, wenn sich die Farbgebung vom hellen Blau in rötlich-braun ändert.

Going Forward / Ananasmurska (2nd at Simulaatio 2005, Demo)
Zwar geht es hier in erster Linie um den durch Brillenbeschau erzeugten dreidimensionalen Effekt, dennoch müssen wir bei Going Forward zuerst ein paar Takte zur Musik loswerden. Die ist einfach sensationell. Genau so, wie ein treibender Demo-Soundtrack sein soll. Auch wenn die Effekte nicht überragend und auch beim Design Defizite auszumachen sind, so wird mithilfe guter Musik aus einer mittelmäßigen durchaus eine gute Demo. Genau das trifft hier zu. Der Track aus Going Forward bietet feinste Synth-Dance-Kost, ist tanzbar und geht unheimlich ins Ohr. Daher lässt es sich verschmerzen, dass bei der Anpassung der Szenen an die 3D-Brille Potential verschenkt wurde. Der Tiefeneffekt ist nett, aber nicht überragend. Was bei den Tunnelszenen noch relativ gut zur Geltung kommt, erzeugt beim Flugzeugmodell kaum ein plastisches Bild. Die rotierenden Würfel, welche die Greetings repräsentieren, wirken da deutlich greifbarer.


Von links nach rechts: Going Forward, The Third Dimension, Stream MEGA.


Space Run / Ananasmurska (1st at Simulaatio 2006, Demo)
Ananasmurska goes Laserdancing! Ein Jahr nachdem die Finnen ihre erste Stereoskopie-Demo veröffentlicht haben, beweisen sie, dass sie aus ihren Fehlern gelernt haben. Space Run wirkt auf den ersten Blick deutlich minimalistischer als Going Forward. Mit aufgesetzter 3D-Brille ändert sich dieser Zustand jedoch schlagartig. Dank dunklem Sternenhintergrund wirken die sich schlängelnden Linien, als ob sie tatsächlich direkt vor unserer Nase tanzen würden. Auch nach den wabernden Tunnelelementen möchte man gleich die Hand ausstrecken. So muss das sein. Mit solch einfach gestalteten Szenen, über die man den Rot-/Grün-Schleier legt, gewinnt man Wettbewerbe. Vor allem dann, wenn das Gesamtpaket aus Optik und Musik stimmt, so wie hier.

fr-056: gravity of the moon / Farbrausch (3rd at Simulaatio 2007, Demo)
Wie schon beim ersten Farbrausch-Werk mit Anaglyphic-Mode, so leidet auch fr-056 unter denselben ärgerlichen Symptomen. Es bewegt sich einfach zu viel auf einmal. Zu viele Schichten, zu viele ähnlich helle Objekte und Grafiken auf einmal, zu viel unkontrollierte Bewegung. Das bedeutet den Untergang für die Tiefe in 3D. Hier wäre weniger definitiv mehr gewesen. Erst in der letzten Szene, als eine zerklüftete Schlucht durchflogen wird, entfaltet die Gravitation des Mondes ihre Kraft. Blöcke und Wände scheinen einem direkt entgegen zu springen, da auf die vielen Objekt-Flyer verzichtet wurde. Leider zu spät, aber ein gutes Kontrastprogramm um in eigenen Produktionen zwischen Masse und Minimalismus unterscheiden zu können.

Stream MEGA / Matt Current (3rd at Simulaatio 2005, Invitation)
Der Einladungsdemo zur Stream MEGA haben Matt Current neben dem normalen Grafikmodus auch einen Anaglyphic-Renderer spendiert. Der ist allerdings für die Katz, auch wenn die Demo an sich die Hütte rockt. Passend zu den treibenden Roboter-Beats wechseln Bilder und Szenen im Sekundentakt. Das ist viel zu schnell für das menschliche Auge, um bei aufgesetzter 3D-Brille überhaupt auf den Stereoskopie-Effekt reagieren zu können. Genau deshalb gibt es keinen Grund sich eine dieser Brillen vors Gesicht zu halten, denn hier gibt die normale Optik weitaus besseres Demo-Flair ab. Zumal dann die Farben nicht verfälscht werden und aufgrund der schnellen Wechsel die Augen nicht gar so schnell schmerzen. Auch die Invitation zur Stream MEGA kann man als Lehrbeispiel heranziehen. Hier ist zu viel Grafik auf einmal zu sehen und viel zu viel Hektik drin, um mit einer 3D-Brille zu funktionieren. Filme wie Avatar können dies - aber die sind auch schon mehrere Technikgenerationen weiter.

(Bobic, 15.02.2010)

Update - Folgende Demos sind nach Veröffentlichung dieses Berichts erschienen und bieten ebenfalls einen Anaglyphic-Mode:

* Happy Birthday, Tarh! / SandS (64k Intro)
* Machineris / Futuris (Demo)
* Numb Res / Fairlight & CNCD (Demo)
* In Bloom / s|n (Demo)
* W4K3D / Northern Dragons (4k Intro)
Comments
Salinga | 2010-02-17
Mittels des Stereo-Treibers von nVidia oder solcher Software wie iZ3D kann man auch andere Demos in 3D betrachten, da diese nachträglich ein anaglyphes Bild generieren. Allerdings braucht es Geduld, bis man eine Demo findet, bei der das dann auch gut aussieht (bzw. überhaupt funktioniert).
Bobic | 2010-07-19
Update, 19.07.2010:
SandS bringen mit der 64k Intro Happy Birthday, Tarh! ein weiteres Werk, das auf eine gute, alte Rot/Blau-Brille setzt. Vor allem der 3D-Effekt der Schrift während der Tunnelsequenz ist gut gelungen.

Bobic | 2010-07-19
Ach, und wer noch keine der ollen Brillen sein Eigen nennen sollte, der findet zum aktuellen Zeitpunkt in jedem Happy Meal bei McD eine. Dem neuen Shrek-Film sei Dank!
Bobic | 2012-01-15
Weitere Demos mit einem Anaglyphic-3D-Modus, die seit Veröffentlichung dieses Specials erschienen sind:

* Machineris / Futuris (Demo)
* Numb Res / Fairlight & CNCD (Demo)
* In Bloom / s|n (Demo)
Bobic | 2012-07-28
* W4K3D / Northern Dragons (4k Intro)
Ghandy | 2012-08-06
Interessanter Artikel, danke Bobic!
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